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Die ersten Teile des Romans erschienen in 1865 in der „Rassian Gazette“, die bedien letzten Teile folgten dann bald, im Jahre 1868.

In Tolstois Roman sind alle Klassen der Gesellschaft, von Kaisern und Königen bis zum einfachen Mann, alle Altersstufen, Charaktere in der Regierungszeit von Alexander I vertreten.

Verschiedene Episoden im Roman, ob sie zum „Krieg“ oder „Frieden“, der „privaten“  oder „historischen“ Linie des Romans angehören, sind ästhetisch gleichwertig, denn in jeder Linie davon kommt im vollen Maß zum Ausdruck der wesentliche Sinn des Lebens und dessen Konflikte.

„Krieg und Frieden“ bleibt in Erinnerung durch viele schillernde Charaktere, Personenbeschreibungen und Episoden, die alle für sich eine große Bedeutung haben.

Jagden und Schlachten, Nataschas Ball, die Nacht in Otradnoje und das verträumte Mädchen am Fenster, Andre Bolkonski Begegnungen mit der alten Eiche, der Tod von Petja Rostov...

Es gibt jedoch eine besondere Linie im Roman, die viele Episoden begleitet, jedoch nicht sofort sichtbar ist. Es ist bekannt, dass Tolstoi Freimaurerei gegenüber sehr aufgeschlossen stand.

Er schreibt in seinen Briefen an einen russischen Freimaurer:

„Ich danke sehr für die Zusendung Ihres freimaurerischen Buches, es freut mich sehr, dass ich, ohne es zu wissen, meiner Gesinnung an ein Freimaurer bin. Ich habe immer von Kindheit an für diese Organisation große Achtung gehabt und glaube, dass die Freimaurerei viel Gutes für die Menschheit geschaffen hat“.

Es ist daher kein Zufall, dass Tolstoi in seinem Roman „Krieg und Frieden“

der russischen Freimaurerei der Zeit  des Napoleonischen Feldzuges in Rußland viel Aufmerksamkeit schenkt. In Protagonisten Andre Bolkonski und Pierre Besuchow entfaltet Tolstoi

das für ihn charakteristische Motiv der Suche nach dem Sinn des Lebens. Eingewoben in die Schilderung Rußlands während der Invasion der Franzosen bis zu ihrer Niederlage, verflochten in die Beschreibung von Einzelschicksalen und Charakteren, wird die Aufnahme und Bewährung des Protagonisten Pierre als Freimaurer herausgearbeitet.

Pierre macht bei seiner Reise nach Petersburg eine Zwangspause auf der Station Torschok. Hier lernt er den Freimaurer Osip Alexejewitsch Basdejew kennen. Sie kommen ins Gespräch über die Freimaurerei. Osip Alexejewitsch Basdejew formuliert im Gespräch seine freimaurerische Haltung.

„Ich würde niemals zu behaupten wagen, dass ich die Wahrheit kenne“, sagte der Freimaurer, der durch seine bestimmte und feste Redeweise Pierre immer mehr und mehr in Erstaunen setzte.

„Kein Mensch kann allein bis zur Wahrheit vordringen. Nur Stein auf Stein, unter Mitwirkung eines jeden aus den Millionen von Geschlechtern vom Stammvater Adam bis auf unsere Zeit, kann jener Tempel errichtet werden...“

Nach diesem wichtigen Gespräch kommt Pierre nicht mehr zur Ruhe. Er läuft im Zimmer auf und ab. Er überdenkt seine Vergangenheit und formuliert neue Ziele für seine Zukunft.

„Er war seiner Anschauung nach nur deshalb lasterhaft gewesen, weil er gewissermaßen zufällig vergessen gehabt hatte, wie gut es war, tugendhaft zu sein. Von früheren Zweifeln war in seiner Seele auch nicht die Spur zurückgeblieben...“

Im Buch II, Teil 2, Kapitel 4 finden wir einen Dialog der besonderen Art, den es in der russischen Literatur vor Tolstoi noch nie gab. Es ist ein offener Gedankenaustausch unter zwei Freunden Andrej Bolkonski und Pierre Besuchow. Die Besonderheit des Dialoges besteht darin, dass hier aus der Diskussion heraus sich eine seelische Annäherung ergibt. In der inneren Verbindung zwischen den Freunden ist die versteckte Botschaft zu finden.

Mit wachsender inneren Erregung spricht Andrej über die Sinnlosigkeit in Allem. Er bedauert, dass

„sein Handeln niemals aus dem Wunsch seinem Nächsten Gutes zu tun, geschah“.

„Nein, weshalb denken Sie bloß so, begann Pierre auf einmal und senkte den Kopf... Sie dürfen so nicht denken.“

„Über das Leben , die Bestimmung des Menschen. Das kann nicht sein. Ich habe auch so gedacht, gerettet hat mich, wissen Sie was? Die Freimaurerei... Die Lehre von Gleichheit, Brüderlichkeit und Liebe.“

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„Alles ist gut was gut endet“ so sollte ursprünglich der Roman heißen. Den Titel verwirft Tolstoi aber mit der Begründung „Ich kann und will nicht meinen Roman-Figuren Grenzen setzen...“.

Nein, er wollte keine endgültigen von von Widersprüchen freien Endergebnisse. Tolstoi wollte „Krieg und Frieden“ als offenes Buch gestalten.

Das Buch endet mit den Träumereien und Zukunftsplänen eines Kindes, das noch ein ganzes Leben vor sich hat. Das hat eine symbolische Kraft und Bedeutung. Hier entsteht eine Brücke in die Zukunft. Das Schicksal jeder der Romanfiguren ist nur ein Glied in der endlosen Kette der Geschichte der Menschheit...

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